Contagion mentale – die wahre Ansteckung

Wie wir der unendlichen Geschichte des Bilder- und Götzenkultes ein Finale setzen können

Das Drehbuch ist perfekt: Ich schaffe eine Katastrophe und biete zugleich die Lösung. Soweit bekannt und hundertfach erprobt. Und ich lasse Menschen für mich arbeiten. Subtil und modern natürlich, denn sie sollen sich ja nicht als Sklaven fühlen. Ich setze noch einen drauf und sorge dafür, dass die Sklaven, Pardon, die Personen, sich gegenseitig schief beäugen. Frei nach Alexander Warbucks sage ich ihnen, dass sie Freiheit haben und dass sie aber auch Gesetz und Ordnung brauchen, um sie vor anderen bösen Leuten unter ihnen zu schützen. Ich mache also nicht jeden Einzelnen willig, sondern ich habe da so meine Methoden, dass die Willigen die anderen auch willig machen. Sollten sich ein paar Wenige da etwas sträuben, dann kümmert sich meine Meute schon von ganz alleine um sie. Ganz „frei“willig. Denn ich weiß: „Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen“, wie Nietzsche schon sagte.

Der Plan ist so klug und komplex und doch so unfassbar einfach. Letzteres hat der französische Mediziner, Anthropologe, Soziologe und Psychologe Gustave Le Bon bereits vor 125 Jahren festgestellt und in seinem Buch „Psychologe der Massen“ im Jahre 1895 festgehalten.

Der Bilderkult

Eine dieser Methoden ist der Bilderkult. Le Bon fand heraus, dass die Einbildungskraft der Massen sehr stark durch Bilder erregt wird. Dieses machtvolle Instrument ist uns hinlänglich aus der sakralen Malerei bekannt. Während meiner früheren Tätigkeit in der Denkmalpflege und Restaurierung war ich zu genüge von den Botschaften des Leids und Schmerzes, der Sühne und Buße, der Reue, Strafe und Verdammnis umgeben. Was früher Hieronymus Bosch konnte, das übernehmen heute Nahaufnahmen rissig ausgetrockneter Erde, ausgewählte Ausschnitte von Kurvendiagrammen, und die igelartige Kugel in den unterschiedlichsten Farben.

Bilder lassen sich auch im Kopf formen. Hierzu benötigt es als weitere Zutat noch gezielte Worte, das berühmte Framing. Es spielt dabei keine Rolle, ob als Statement oder als Frage formuliert: Sätze wie „Sind Kinder doch Superspreader?“ oder „Können wir uns doch schneller infizieren?“ genügen. Werden Worte und Redewendungen „kunstvoll“ angewandt, so Le Bon, „so besitzen sie wirklich die geheimnisvolle Macht, die ihnen einst die Adepten der Magie zuschrieben.“ Ein extra Kniff ist es dabei, möglichst abstrakt zu bleiben. „Worte, deren Sinn schwer zu erklären ist, sind oft am wirkungsvollsten“, sagt er und veranschaulicht das an den verheißungsvollen Beispielen wie „Demokratie“ oder „Gleichheit“. Die Bilder und Emotionen sind gewiss. Sowohl positiver als auch negativer Art. „Demokratie“ klingt gut für mich, „infizieren“ oder auch „Aerosole“ irgendwie nicht.

Wir brauchen also eine Behauptung und diese ist am effektivsten, je einfacher sie ist. „Die reine, einfache Behauptung ohne Begründung und jeden Beweis ist ein sicheres Mittel, um der Massenseele eine Idee einzuflößen. Je bestimmter eine Behauptung, je freier sie von Beweisen und Belegen ist, desto mehr Ehrfurcht erweckt sie“, so Le Bon. Massenseele definiert er als eine Art „Gemeinschaftsseele, vermöge deren sie in ganz anderer Weise fühlen, denken und handeln, als jedes von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde“. Weiter führt er neben den unterschiedlichen Redetechniken aus, dass der Redner „niemals den Versuch machen darf, einen Beweis zu erbringen“. Mir drängt sich da die Aussage von Lothar Wiehler auf: „Die Regeln dürfen überhaupt nie, nie hinterfragt werden“.

Der alles verbindende Kleister unter den Werkzeugen der Massenbeeinflussung ist die ständige Wiederholung jener Behauptungen. Die sinngemäße Aussage „eine große Lüge oft genug zu erzählen, bis es die Leute am Ende glauben“ wird vielen Despoten und Ministern nachgesagt. Le Bon selbst bemüht Napoleon, der die Wiederholung als einzige ernsthafte Redefigur bezeichnet haben soll. Dass das Buch „Psychologie der Massen“ erheblichen Einfluss auf Goebbels hatte, gilt als bewiesen und steht in den Neuauflagen auf dem Rückdeckel.

Der Götzenkult

Mit einprägsamen Bildern – egal, ob visuell oder durch Szenarien eingeprägt – ist der Weg zum Götzen nicht mehr weit. Gemein ist diesen Bildern, große Gefahren zu kolportieren: Wer in Angst ist, wartet auf den Erlöser, den Retter, den Heil(s)bringer, – den Führer, wie es viele Dutzende male in dem Buch heißt. In einer sogenannten aufgeklärten und gleichzeitig spirituell ausgehungerten Gesellschaft haben Messias & Co. keinen Platz mehr. Heute sind sie der Wissenschaft gewichen. Das ist nicht nur der berühmte Doktor im weißen Kittel. Das betrifft beinahe alle Lebensfragen, die nur noch durch qualifizierte Fachleute in Studien geklärt werden können. Der Clou: „Wissenschaft“ scheint perfekt in das Schema der undefinierbaren Worthülsen zu passen. „97% der Wissenschaftler stimmen überein“. Wiederhole diesen Satz einige Jahre lang in allen institutionellen Kanälen, und Du wirst die Überzeugungskraft merken. Das zieht.

Damit könnte sich auch ein Stück weit erklären, warum fast eine ganze Gesellschaft schluckt, dass die Koch‘schen Postulate ausgerechnet 2020 unterschlagen werden können. Denn wie war das mit der Wiederholung? „Das Wiederholte befestigt sich so sehr in den Köpfen, dass es schließlich als bewiesene Wahrheit angenommen wird“, lehrte uns schon unser Psychologe im 19. Jahrhundert.

Mitschwimmen

Entsprechend werden alle Ratschläge, Gebote und Verbote sowie natürlich die Lösung, die der Götze parat hat, bereitwillig angenommen, ja, sogar ersehnt. Ein moderner Ablass, der sich aber gar nicht danach anfühlt, denn heute müssen wir ja augenscheinlich nichts hergeben, sondern wir bekommen ja etwas und danach winken uns sogar Privilegien.

Die Kritiker und Andersdenkenden haben es da nicht immer leicht. Immerhin stellen sie die Götzen, heute sogenannte Philanthropen, infrage. Das gleicht einer Blasphemie, genauso wie früher. Das war zu allen Zeiten gefährlich, denn die oben beschriebene Meute ist sehr wachsam und der mächtige Apparat ist es erst recht.

Erstaunlich, dass sich seit 1895 bis zur hochtechnisierten und akademisierten Gesellschaft so wenig geändert hat. Anfällig für von außen hergebrachte Bilder und Glaubenssätze scheinen also immer noch viele unter uns zu sein. Emotionen sind nun mal nach wie vor mächtiger, denn im Kern sind es eben jene Emotionen, die uns hinter allen Daten und Fakten leiten.

Wenn Rückenmark das Gehirn dominiert

Da ich direkt neben einer Kinderarztpraxis wohne, komme auch ich nicht um ein bestimmtes Bild umhin. Erwachsene mit ihren Kindern am Parkplatz oder vor der Tür: Erstere meistens ohne Mundschutz, die Atemwege der Kinder jedoch mit Stoff, neuerdings mit FFP2 verhüllt: Das Bild, dass Großeltern durch Kinder oder Enkel sterben könnten ist offenkundig stärker verankert, als die vergleichsweise „trockenen“ Studien, laut derer die jüngeren Kinder wenig Infektionsrisiko mit sich bringen. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern…

Le Bon stellte bei der Untersuchung von Massendynamiken weiter fest, „dass die Masse beinahe ausschließlich vom Unbewussten geleitet wird“. Ihre Handlungen stünden viel öfter unter dem Einfluss des Rückenmarks als unter dem des Gehirns. Das sei dahin gestellt, das möge die Neurologie klären. Grundsätzlich beschreibt er jedoch ausführlich das Individuum versus Masse und führt mehrfach etwas aus, das wir heute Gruppenzwang nennen würden:

Aus diesem Grunde sprechen Schwurgerichte Urteile aus, die jeder Geschworene als einzelner missbilligen würde, Parlamente nehmen Gesetze und Vorlagen an, die jedes Mitglied einzeln ablehnen würde. Einzeln genommen waren die Männer des Konvents aufgeklärte Bürger mit friedlichen Gewohnheiten. Zur Masse vereinigt zauderten sie nicht, unter dem Einfluss einiger Führer die offenbar unschuldigsten Menschen aufs Schafott zu schicken, brachen unter Außerachtlassung ihres eigenen Vorteils deren Unverletzlichkeit und verringerten ihre Schar.“

Contagion mentale – wir haben die Wahl

Dieser Gruppenzwang ist der Kern dieses Beitrages. Le Bon nennt dieses Phänomen Übertragung bzw. “Ansteckung” (contagion mentale): “In der Masse ist jedes Gefühl, jede Handlung übertragbar, und zwar in so hohem Grade, dass der einzelne sehr leicht seine persönlichen Wünsche den Gesamtwünschen opfert.” Dabei hebt er hervor – und das ist entscheidend -, dass das ebenso für Henker wie für Märtyrer zutrifft. Meines Erachtens ist es wichtig, in der Tiefe anzuschauen, was geschieht. Erst dann können wir Lösungen kreieren. Denn kollektives Martyrium für einen vermeintlich guten Zweck ist ebenso fatal wie das Henkertum.

Erwin Thoma vertraute mir in einem Interview an, dass seiner Erfahrung nach neun von zehn Menschen nur unter vier Augen ihr wahres Ich sprechen lassen. In Geschäftssitzungen hingegen – in der “Masse” – treffen sie Entscheidungen, die sie aus sozialen oder ökologischen Gründen eigentlich nicht mittragen können.

Ähnlich verlief es offenbar an einer anthroposophischen Schule in NRW, deren Leitlinien eigentlich für Freiheit, kritisches und offenes Gedankengut stehen. Kollektiv wurde dort entschieden, dass Andersdenkende in den höheren Gremien nicht erwünscht seien. Bedenken der Eltern bezüglich des viele Stunden zu tragenden Mundschutzes, teilweise auch, wenn ärztlich attestiert, wurden abgeblockt. Nicht nur in den Entscheidungsgremien, sondern auch innerhalb der Eltern, Lehrer und größeren Schüler findet sich die von Le Bon beschriebene “Masse”, welche der anders denkenden Minderheit mit den gängigen Anschuldigungen der “Rechtskeule” gegenübersteht.

Ich habe die Erlaubnis, Dich an einem Schreiben teilhaben zu lassen, welches mir von einer engagierten Mutter eines Kindes jener Schule zur Verfügung gestellt wurde. Es zeigt den Zwiespalt zwischen Mitläufertum und kritischem Hinterfragen.

Liebe Mitglieder der Verwaltung und Schulleitung der [XY] Schule,

Ich würde mir in vielen Bereichen der Gesellschaft – so auch an unserer Schule – wünschen, auch andere Stimmen, als die eigenen, mit Respekt in der Gemeinschaft klingen zu lassen und anzuhören, um weitere Entscheidungen zu treffen. Wenn alternative Gedanken in den Krisenstab getragen werden und diese Personen dann ausgeschlossen werden, ist das doch sehr schade und vermittelt einen Eindruck von Zensur, auch wenn dies wohl nicht so beabsichtigt ist. Es ist klar, dass diese Zeiten schwierig sind und Entscheidungsfindungen erschwert werden durch konträre Sorgen. Aber haben wir nicht gerade in der Waldorfschule immer gelernt und gelehrt, individuelle Ansichten wachsen zu lassen, ja zu fördern? War Steiner Verschwörungstheoretiker?

Meine Sorge ist die, dass die Zukunft durch unser aller Entscheidung JETZT beeinflusst wird. Man mag sogar befürchten, dass momentan Entscheidungen getroffen werden, die es vielleicht nicht mehr so leicht rückgängig zu machen gilt. Nicht nur die wirtschaftlichen Folgen sind für uns unabschätzbar massiv. Die Verletzungen der Seele beispielsweise sind nicht messbar mit einem PCR-Test. Die Schule als Institution macht mit: Entscheidungen die jetzt getroffen werden, haben nachhaltige Wirkung – in beide Richtungen.

Die eigenen Werte sind unsere Motivation beim Treffen alltäglicher und nachhaltiger Entscheidungen. Ich war lange fest davon überzeugt, dass ich in der Waldorfschule eine große Deckungsgleichheit dieser, meiner Werte finde. Das Schulschreiben mit der Aussprache des Hausverbots für Menschen, die keine Maske tragen (können), hat mich, um ehrlich zu sein, bestürzt und erstmal sprachlos gemacht. Nicht nur beruht es auf keiner mir bekannten rechtlichen Grundlage, auch erscheint mir die vormals genannte „Vertrauensbasis“ unseres Schulvertrages auch irgendwo ins Abseits geraten. Welche sind die Beweggründe für diese Entscheidung?

Ist es die blanke Angst vor dem Virus? Ist es die Angst, hier als Institution, als Schule angreifbar zu sein? Ich meine diese Fragen wirklich nicht provokativ, sondern würde gerne verstehen und gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir an unserer Schule noch einen Ort der Vielfalt, der Begegnung, der Wärme und Nähe schaffen können – auch oder gerade in Krisenzeiten. Wir haben die ganze Menschheitsgeschichte über mit Bakterien und Viren zusammengelebt und es sind schon immer Menschen erkrankt und leider gestorben. Ist das nicht auch das Leben? Möchten wir unseren Kindern nicht das stärkste Sicherheitsgefühl mitgeben, anstatt sie an allgegenwärtige Sicherheitsvorkehrungen zu gewöhnen?

Es gibt auch Großeltern, die sich bewusst entscheiden, ihre Enkelkinder zu herzen, zu umarmen und ihnen dabei lachend ins strahlende Gesicht zu sehen, die Freude sichtbar zurück zu geben – GERADE in diesen Zeiten. Was gibt es Heilenderes, Stärkenderes? Und es gibt leider gesundheitlich gefährdete Personen, die ihre körperliche Gesundheit schützen wollen und müssen. Sollten uns solche Entscheidungen aber nicht selbst überlassen werden?

Ich erinnere mich, wie ich mit meinem großen Sohn, als er so alt war, wie mein jetziges Baby, regelmäßig in der Bahn gefahren bin. Er hat es geliebt, wenn andere Menschen, gerne auch ältere, ihn angelächelt oder auf sein Lächeln hin zurück geschäkert haben. Heute schauen kleine Menschen in verhüllte Gesichter, halten Abstand, werden auf Abstand gehalten. Wächst hier eine distanzierte, verunsicherte Gesellschaft heran?

Ist es wirklich unsere Überzeugung, dass wir es zulassen, Kindern die Schule als wichtige Konstante zu verwehren, aus Angst vor Krankheitsübertragung? Wollen wir so vielen Eltern die Mehrfachbelastung von Beruf und Heimunterricht bis an die Belastungsgrenze zumuten? Sind nicht die Kinder die eigentlichen Leidtragenden bei all den Maßnahmen?

Ich bitte Sie von Herzen, dass in die zukünftigen Entscheidungen auch diese Gedanken und Sorgen mit einbezogen und verschiedene Ansichten zum aktuellen Thema gewissenhaft abgewogen werden – für die Zukunft unserer Kinder.

Mit freundlichen Grüßen, …

Kinder begleiten

Ich finde diese Zeilen sehr kraftvoll und ermutigend. Ein sehr berührendes Beispiel, die Kinder mit Herz UND Verstand zu begleiten. Es ist einer der vielen mutigen Dinge, die jeder Einzelne tun kann. Zur Dramatik um Existenzen rückt die eigentlich wichtigste Aufgabe unseres Menschseins in den Vordergrund – nämlich unsere Kinder und deren Umfeld wieder bewusster wahrzunehmen.

In der “Abendandacht” des Heilpädagogen, Kinder- und Jugendtherapeuten sowie Buchautoren Henning Köhler, erschienen in der anthroposophischen Zeitschrift “Erziehungskunst”,  spricht ein liebevoller Elternteil mit seinem Kind: “Folge deinem Stern. Gehe deinen Weg. Ich will dir mein Herz öffnen, um immer besser zu erfühlen, was du brauchst, um dich nicht zu verfehlen. Und doch wirst du dich verirren. Wir kommen in das Erdenexil, um einige Dinge zu erfahren, die nur hier er­fahren werden können. Dazu gehört der geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Freiheit und Irrtum. Um den richtigen Weg zu erkennen, müssen wir zuweilen von ihm abirren. Wollte ich dich vor allen Verirrungen bewahren, gar noch vorgreifend auf die Zukunft, hieße das, dir deine Freiheit zu nehmen. So will ich dich denn begleiten auf allen deinen Wegen, auch wenn es dunkle Wege sind. Sei versichert: Du bist nicht allein.

Bei allen besonderen Herausforderungen seit 2020 haben wir mehr denn je die Chance und meines Erachtens auch Pflicht, unseren Kindern diese Sicherheit zu geben. Wir können Angst, die gleichbedeutend mit Starre ist, durch Information ersetzen. Kraft unserer Gedanken sind wir in der Lage, neue Realitäten zu erschaffen. Wir können Mut, Aufklärung und Nächstenliebe walten lassen. Das löst den Götzenkult auf. Denn das schafft Raum, dem “Individuum”, also der Stimme des Herzens, wieder Gehör zu verschaffen. Lasst uns all das Gute und Integere in uns auf die Anderen übertragen. Contagion mentale eben – das ist ansteckend! Der Brief an die Schule ist ein erster Schritt.

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