Klimawandel per Storytelling – Josh Fox

Storytelling als Eingangstor

Der Dokumentarfilm mit dem sperrigen Titel „How to let go of the world and love all the things climate can’t change“ zeigt das Mittel “Storytelling” in eindrücklicher Weise. Der Filmemacher Josh Fox (bekannt durch Grasland, 2010, mit Oskar-Nominierung „Bester Dokumentarfilm“) zeigt in seinem 2016 veröffentlichten Film, wie man mit einer Eingangsstory sogar für den Klimawandel sensibilisieren kann.

„Plötzlich sah ich, dass mein Baum starb.“

Wer den Film gesehen hat, wird ihn nicht wieder vergessen. Seine Methoden sind denkbar einfach und doch so wirksam: Fox ist Ich-Erzähler und macht sich auf die Suche nach Antworten auf Fragen, die jeder von uns hat. Auf Augenhöhe. Der hauptsächliche Erfolg des Filmes liegt in seiner Art des Storytelling für den Klimaschutz: Seine Geschichte könnte eine von unseren sein. Das Ganze inszeniert er im Stile einer Reportage: mit Emotionen, hervorgehobenen Momenten und sparsam aber gezielt eingesetzter Musik.

Ob-la-di ob-la-da life goes on bra, la la how the life goes on

Josh Fox tanzt zum Beatles-Song. Gleich zu Beginn des Films, der schonungslos die Zerstörung der Umwelt sowie die Auswirkungen aufzeigt. „Ihr wundert Euch bestimmt, warum ich in einem Film über Klimawandel tanze, oder?“ hört man den Ich-Erzähler sagen. Und er nimmt uns mit seiner angenehmen Stimme mit in seine Story, die mit einem Rückblick beginnt: Im November 2011 wurde nach dreijährigen Protesten ein riesiges Fracking-Projekt verhindert. In einer wunderschönen Landschaft zwischen Pennsylvania und New York. Das wurde gefeiert, und zwar nicht zu knapp.

Am nächsten Tag will Josh, stark verkatert, an seinem Lieblingsplätzchen am Fluss abhängen. Wir sehen Mücken tanzen und Bachwasser fließen. Und Josh, der außer zu einigen Tönen mit seinem Banjo zu nichts in der Lage ist. Er schaut seinen Baum, eine Hemlock-Tanne, an. „Ich wollte einfach nur hier sein. Zu Hause. In Ruhe. Der Stille lauschen und dankbar sein. Plötzlich sah ich, dass mein Baum starb.“ Der Baum, den sein Vater ihm 35 Jahre zuvor gepflanzt hatte. Die Bäume drum herum: Auch am absterben.

Geschickte Kameraführung: Per Hand und Drohne

Graue, kahle, nadellose Äste: Josh’s Baum und die anderen ringsherum. Die Kamera begibt sich in die Lüfte und wir sehen das Ausmaß – alle Hemlocktannen sind betroffen, soweit das Auge reicht. Josh’s Stimme erläutert uns, dass die letzten Winter dort zu mild waren. Ideale Bedingungen für den „wolligen Adelgid” (Adelges tsugae), eine Blattlaus-Art. Kahle Bäume von Virginia bis Nordamerika. Josh spricht stets im Hintergrund – nie direkt in die Kamera. Damit hat er uns: Wir sind Josh. Seine Gedanken sind unsere Gedanken. Ebenso seine Stimme. Ja, seine Story ist unsere Story. Sie geht uns alle an und wir möchten dringend wissen, wie sie endet. In der Art, wie Josh per Storytelling den Klimawandel erklären möchte, hat er uns im doppelten Wortsinne mitgenommen.

Der Filmemacher erklärt uns die Auswirkungen des Klimawandels. Die Weltreise beginnt

Fast „wie gerufen“, wälzt sich kurz darauf im Jahr 2012 der Hurricane Sandy durch New York. Der Film zeigt Szenen wie aus den Fernsehnachrichten: brennende Häuser, überflutete U-Bahn-Schächte, Luftaufnahmen zerstörter Stadtteile. An dem Punkt, an der die Nachrichten-Reporter abziehen, filmt Josh weiter. Er fährt mit uns an einem meterhohen Wall aus Müll und Schrott entlang. Es ist der Strand. Wir lernen einige New Yorker kennen, die in Turnhallen hausen. Dass es an den notwendigsten und einfachsten Dingen wie Nahrung oder Decken fehlt, möchte man der engagierten, dunkelhäutigen Frau mit Sonnenbrille vor der Kamera kaum glauben. Aber man sieht es.

Mit dem Storytelling kommen Daten

Josh Fox hat für den Film zahlreiche Wissenschaftler, Autoren und Umweltaktivisten auf allen Kontinenten getroffen. Sie beantworten die Fragen, die der Zuschauer sich jetzt stellt. Der Grundtenor ist bei allen gleich. Sie berufen sich auf die CO2-These: Bereits jetzt sei die Durchschnittstemperatur auf der Erde um knapp ein Grad gestiegen. Sogar ein sofortiger Stopp, CO2 in die Atmosphäre zu pusten, würde den Temperaturanstieg erstmal nicht aufhalten können. Mit den üblichen Erklärungen und Simulationen wird dem Zuschauer vermittelt, wie utopisch es zu sein scheint, die Zwei-Grad-Marke einzuhalten. Durch die vielen Schauplätze innerhalb von 127 Minuten wird das globale Ausmaß greifbar. „Ein Grad war bereits genug, um die Art, wie sich das Wasser um die Welt herumbewegt, stark zu verändern“, so Bill McKibben, Autor und Gründer von 350.org.

Objektiv gesehen, sind die Thesen im Film nicht neu. Aber der Filmemacher hat uns mit seinem Storytelling für das Thema Klima schon längst sensibilisiert. Wir bangen um unsere eigene „Hemlock-Tanne“.

Der Stories Ursprung – die Öl- und Gasindustrie, Urwaldrodungen

Josh Fox fokussiert sich auf eine der Hauptquellen für den CO2-Ausstoß: Die Verbrennung von Öl und Gas. Er klagt nicht an, wird nicht kämpferisch. Vielmehr staunt er ob der gigantischen Ausmaße der Erdöl- und -Gasgewinnung. Er beobachtet und lernt durch die Produktion seines Filmes selbst dazu. Mit jedem Interview. Unseren Gedanken kommt er dabei zuvor: „Wie sollen wir reduzieren, wenn alles am Expandieren ist?“ Dass die entsprechenden Konzerne ohne Abnehmer, ohne uns, nicht existieren würden, kann sich jeder Zuschauer ausmalen. Josh Fox hat uns mit seiner persönlichen Story in eine – unsere – übergeordnete, globale Story katapultiert. Ohne Schuldzuweisungen; weder den Konzernen, noch uns Verbrauchern gegenüber.

Ursache und Wirkung – Stories und der Blick hinter die Kulissen

Die meisten, gezeigten Schauplätze des Geschehens zeigen Prozesse, die entweder schleichend sind oder weit entlegen stattfinden. „Keine Hauptschlagzeilen. Dinge, die ständig passieren“. So wird der Zuschauer von einem Brasilianer in die atemberaubende Schönheit des Amazonas geführt. Es ist zum Staunen. So geht es auch Josh. Wie wichtig der Amazonas Regenwald für die Klimaregulierung ist, wird fast nebenbei durch Einblendungen von Expertenaussagen und Computersimulationen vermittelt. Prompt sind wir zurück in der Szene: Große Teile des Waldbodens sind ölverschmiert: Lecks in den Ölpipelines. Die Vegetation wird vom schwarzen Gold ertränkt. Arbeiter schöpfen es aus Blechkanistern. In Jeans, ohne Schutzkleidung.

Individuelle Kapitel ergeben eine Kollektivstory

Es folgen zahlreiche, persönliche Kontakte mit Betroffenen, die als einzelne Mosaiksteine ein Gesamtbild über unseren Umgang mit unserer Natur ergeben: Ein Peruaner erinnert sich an den Artenreichtum im Urwald. Er steht mit Josh an der markanten, immer näher kommenden Grenze zwischen Wald und gerodeter, verbrannter Erde. Nina Gualinga aus Ecuador erzählt, wie das Militär kam, als sie um ihr Land kämpften. Oder das Mädchen Feifei aus Peking, das fast nur drinnen lebt, weil sie die Stadtluft ohne ihre spezielle Apparatur nicht atmen kann. Hier hört man den Ich-Erzähler Josh ungläubig murmeln: „In China sterben jährlich etwa 1,6 Millionen Menschen an Luftverschmutzung. Knapp 4.400 am Tag.“ Wir sehen – fast schon plakativ – graue, geklonte Hochhäuser, die sich von der ebenso grauen Luft kaum abheben. Dazwischen einen knallbunten Spielplatz aus Plastik – ohne Kinder.

Wenn dem Storyteller die Worte fehlen

Auf der Chinesischen Mauer, bei großartiger Sicht, muss Josh die Eindrücke aus Peking verarbeiten. Es folgt eine der wenigen Sequenzen, in denen er direkt und live in die Kamera spricht oder sprechen will – es verschlägt ihm die Sprache, die Tränen siegen. Manchmal besitzt Storytelling ohne Worte die höchste Aussagekraft.

Zahlreiche Wissenschaftler und Autoren, die ihr Wissen während des Filmes vermittelt haben, zeigen jeweils am Ende ihres Interviews eine ähnliche Wortkargheit. Es folgt ein Medley der Stille. Die Szenen der unterschiedlichen Experten aneinandergereiht: Sprachlosigkeit, haltloses Zucken der Augen, zusammengekniffene Lippen, Blick auf den Schoß. Welche Abschlussfrage Josh den jeweiligen Experten gestellt haben mag, ist eine Story für sich – der Zuschauer mag sie sich selber stellen.

Die Story in der Story

Das erste, was bei uns nach einer Geburt das Krankenhaus verlässt, ist die Plazenta….” Wir lernen Mika Maiava kennen, den Sprecher der “Pacific Climate Warriors “. Einen fröhlichen, viel lachenden und tanzenden Mann aus dem Samoa-Tokelau-Atoll im Pazifik. Seine Frau ist hochschwanger. Er streichelt ihr liebvoll den Bauch und sagt augenzwinkernd, dass da schon der nächste “Klimaschutz-Krieger” im Anmarsch sei.

Jetzt ist es der Filmemacher Josh selbst, der unvorbereitet in eine bewegende Story – auch über einen Baum – hineingezogen wird. Nach alter Tradition werden die Plazenten nach der Geburt eines Kindes vergraben und mit einem prächtigen Baum bepflanzt. Mika möchte mit Josh den Baum seines Vaters sehen; hier war Mika seit seiner Kindheit selber nicht mehr gewesen. Als sie an der Stelle sind, muss Mika, live vor der Kamera, feststellen: Der Baum seines Vaters ist nicht mehr da. Erosion und Meeresspiegelanstieg haben die Küste verschluckt. Der lebensfrohe Mika stammelt unvollständige Sätze. Wie er denn seine alte Heimat zeigen solle, wenn sie weg ist. Dass schon ständig über Untergangsszenen und Meeresspiegelanstieg gesprochen werde. Dabe sei es doch wirklich zu sehen, das sei sehr emotional und ein Alarmsignal für ihn. „Diese Story über diesen Baum kriege ich nicht mehr aus meinem Kopf raus“ kommentiert der Filmemacher.

Storytelling mit Happy End?

Nachdem Mika die Fassung wiedererlangt hat, gibt er Josh zu verstehen, dass er trotz des weggspülten Landes jetzt nicht in Depressionen verfalle. „Nein, wir haben viele Möglichkeiten“. Diese positive Einstellung wird in dem Film mehrfach übermittelt. Wegweisende Projekte für erneuerbare Energiegewinnung lernt Josh mit uns kennen. Innovative Ideen in China und Afrika. Wir sind verblüfft über die Tatsache, dass das Weiße Haus in Washington schon 1979 Solarmodule installiert hatte. Bis 1981, als Ronald Reagan sie entfernen ließ. Die Weichen, die langfristig in eine lebenswerte Zukunft weisen, geben im Film Anlass zur Hoffnung. Das ist noch lange kein Happy End. Aber der Filmemacher Josh Fox lässt uns nicht mit Weltuntergangsszenen zurück. Was in der letzten Szene „untergeht“, ist die Sonne am Strand: Mika, Josh selbst und zahlreiche weitere Menschen tanzen dabei zu chilliger Musik. Der Film ist aus – das Ende der globalen Story liegt in unseren Händen.

Mit Storytelling den Klimawandel erklären – eine Methode, die bewegt

Fast nebenbei werden dem Zuschauer die Daten über das Klima und seine Veränderung vermittelt. Sie fokussieren sich auf die CO2-These. Einiges davon, wie die Auswirkungen an den Polkappen, an Land sowie in den Ozeanen – Stichwort Versauerung – kommt an und bleibt hängen.

Der Film „How to let go of the world and love all the things climate can’t change“ ist für mich persönlich aber eher ein wichtiger Beitrag, um dem Thema Nummer eins der Menschheit auf emotionaler Ebene zu ranghoher Bedeutung zu verhelfen. Josh Fox nutzt das Storytelling gleich mehrfach: Mit der persönlichen Geschichte über „seine“ Hemlocktanne fixt er den Zuschauer an. Es folgen beispielhaft mehrere Einzelstories, die zusammen eine übergeordnete, uns alle betreffende Hauptstory – den Kern des Filmes – ergeben.

Mit Storytelling den Klimawandel erklären, bewegt: unser Unterbewusstsein, unser Bewusstsein, unser Umweltbewusstsein.

Josh Fox - How to let go of the world and love all the things climate can't change

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